Dunkel Dreckig

Reudnitz

Der etwas andere Stadtteilblog.

Die Verzerrung der Wirklichkeit

Meldungen im LVZ-Polizeiticker als Heatmap - Screenshot lvz-viz.leipzig.codefor.de
Die LVZ hat den Kriminalitätsatlas für das vergangene Jahr veröffentlicht. Demzufolge spielt Reudnitz kriminalitärsmäßig eher im Mittelfeld. Weit hinter dem Zentrum und Eisenhood, aber deutlich vor Connewitz.

Wie kann das sein? Gibt es auf Dunkel. Dreckig. Reudnitz. nicht ständig Meldungen über Fahrraddiebstähle, Raub und Einbrecher? Reudnitz ist doch angeblich eine richtig üble Gegend. Das muss sich doch in der Statistik niederschlagen.

Dem ist offensichtlich nicht so. Also warum deckt sich unser Eindruck nicht mit der Statistik? Wir versuchen einfach mal nachzuvollziehen, woher wir von Verbrechen in unserem Viertel wissen.

Der erste Filter: Was die Polizei weiß
Es kommen nur die Verbrechen in die Statistik, von denen die Polizei weiß. Alles darüber hinaus ist die ominöse Dunkelziffer. Diese schwankt erheblich je nach Art des Verbrechens und Interessenorganisation, die einen Bericht über Verbrechen herausgibt (Die Dunkelziffer gilt bei Sexualverbrechen als besonders hoch und bei Terrorismus als eher gering).

Der zweite Filter: Welche Verbrechen die Polizei der Presse mitteilt
Jetzt kommt der größte Verzerrer: Von all den Verbrechen die der Polizei bekannt sind, kommt nur ein Bruchteil in die Pressemitteilung der Polizei. Das sind die Meldungen, die wortgleich von den Polizeitickern übernommen werden (sei es nun LVZ, L-IZ, Blaulichtbericht und wie sie alle heißen). Eine wunderbare Übersicht über die Meldungen im Polizeiticker gibt es übrigens von Code for Leipzig. Dort findet man sogar eine Heatmap über all die Berichte.

Aber warum soll dieser Filter am meisten verzerren? Ganz einfach: Auch die Polizei ist keine neutrale Quelle. Die Aufgabe der Pressestelle ist es, die Arbeit der Polizei möglichst positiv darzustellen. Deshalb kommen Handttaschendiebstähle viel öfter in den Berichten vor, als zum Beispiel Sexualstraftaten. Denn dadurch kann sich die Polizei als Retter präsentieren. Es gibt eine Studie, in der die Kriminalitätsstatistik von Wien mit den Pressemitteilungen verglichen wurde. Es zeigte sich, wie krass die Wirklichkeit verzerrt wurde. Ihr solltet diesen Artikel dazu unbedingt lesen.

Nein ernsthaft, lest ihn jetzt und kommt danach zurück.

Habt ihr ihn gelesen?

Wirklich?

Na gut, dann können wir weitermachen.

Oder ihr lest noch diesen Kreuzer-Artikel zur Konstruktion der Kriminalitätswirklichkeit.

Könnt ihr aber auch nachher noch. Hier geht es erstmal weiter im Text.


Der dritte Filter: Dunkel. Dreckig. Reudnitz. trifft auch ein bisschen Schuld
Mehrmals die Woche teile ich auf Facebook Meldungen aus dem Polizeiticker und die verzweifelten Hilfsgesuche nach gestohlenen Fahrrädern. Da kann man als Leser schnell den Eindruck bekommen, in Reudnitz geht es besonders hoch her. Das muss aber nicht stimmen. Diesem Stadtteil wird einfach eine besondere Aufmerksamkeit zuteil. Viele der absurden Geschichten die hier passieren, könnten so sicherlich auch woanders passieren (Außer in Eutritzsch. Nichts passiert in Eutritzsch.), aber dort schreibt wahrscheinlich keiner darüber.

Wenn im Wald ein Baum umfällt, aber niemand posted es: Macht er dann ein Geräusch? 

Der vierte Filter: Flüchtlinge essen Schwäne
Die ersten drei Filter sind rational erklärbar und nachvollziehbar. Der vierte Filter ist eigentlich ein Sieb. Er beschreibt das was hängen bleibt. Am Ende vermischen sich Artikel die man quergelesen hat, Überschriften die überflogen wurden und wilde Gerüchte zu einer schlimmen Erkenntnis: Die Welt ist voller Krimineller und es wird alles immer schlimmer. Da hilft dann auch kein Verweis auf die Statistik.

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Hi, ich bin Martin von Dunkel. Dreckig. Reudnitz. Seit ein paar Jahren lebe ich schon in diesem ganz besonderen Stadtteil. Warum also nicht darüber schreiben?

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