Dunkel Dreckig

Reudnitz

Der etwas andere Stadtteilblog.

[Gastbeitrag] Tatort Reudnitz

Jörg hat mir schon einmal bei der Karte mit den Stolpersteinen in der Hood geholfen. Anfang dieser Woche wurde er abgezogen. Er ist offensichtlich eine der jungen Frauen aus dem Polizeiticker. Hier schreibt er über die spektakuläre Verfolgungsjagd und der Suche nach der hilfsbereiten Fahrerin.





Und plötzlich findest du dich selbst in der Polizeimeldung wieder

Ich ahne es: Die Polizeimeldungen lesen viel zu Wenige aus der Hood. Wenn ein dreister Handy-Diebstahl geschieht, dann passiert es das nächste Mal vermutlich – trotz Meldung – wieder. Und dann wird der/die „Geschädigte“ genauso verdutzt ohne Handy dastehen, wie ich.

Also, wie soll man da gewarnt sein? Oder: Was kann andere Passanten, Pendler, potentiell Geschädigte  schützen, wenn jemand meint mit Fahrrad an einer Haltestelle das geliebt-gehasste, summend-dudelnde Handy, Quell aller tageswichtigen Informationen und viel mehr, in einem Moment von Unachtsamkeit aus der Hand zu reißen und zu flüchten? Vermutlich wenig.

Ich bin nun mein Handy los. Auch wenn eine Studie sagt, dass die Trennung vom Handy aka Iphone Stress beim ehemaligen Besitzer erzeugen kann, so hoffe ich innig, dass der Stress auf den neuen Besitzer aka Dieb übergeht. Er möge noch dazu alle Sorgen  übertragen bekommen: Viel Spaß mit den klabusterperlenartigen Staub-Ansammlungen und dessen Reinigung in der Klinkenbuchse des Handys! Hab’ viel Freude mit dem unzuverlässig funktionierendem Home-Button und dem super-schlechtem Antennenemfpang! Und es vergehe dir die letzte Lebenslust in der Warteschleife des Providers!

Falls die Stress-Übertragungs-Taktik ala Vodoopuppe nicht funktioniert, könnt ihr trotzdem versuchen Diebstahl zu vermeiden. Hier ein paar mehr oder minder ernst gemeinte Ratschläge:

Erstens: Mit dem Po zu den Mitmenschen stehen. Mein Fehler war, dass ich mit dem Gesicht und dem Handy in der Hand zur offenen Seite der Straße bzw. Haltestelle stand. Alles, was der Dieb tun musste war abwarten, mit dem Rad im richtigen Moment vorbeifahren und zugreifen. Im Prinzip wie einem Kind das Kugeleis klauen, wenn man ein ganz schlechter Mensch ist und das für einen guten Umgang mit seinen Mitmenschen hält. Wieso also nicht lieber umdrehen, und den potentiellen Dieben den Popo zuwenden? Das Schlimmste, was dabei passieren kann ist, dass ihr Komplimente bekommt oder den Bus verpasst.

Zweitens: Einfach mal das Handy in der Tasche lassen und statt Updates checken lieber rumglotzen, rumstehen, vielleicht sogar mal einfach reden. Ein bisschen Smalltalk. Wer weiß, ob der Dieb nicht einfach Konversation gesucht hat? Zu viel Handykonsum macht einsam, heißt es doch.

Drittens: Leute um Hilfe für fragen. Roidnitz ist trotz aller Polizeimeldungen scheinbar eine gute und hilfsbereite Hood. Unmittelbar nach dem Diebstahl und der Flucht des Diebes mit dem Diebesgut verfolgte ich die diebische Elster im Hoodie zu Fuß. Mit drei Kilo Gepäck auf dem Rücken war das ein hoffnungsloses Unterfangen. In diesem Moment empfahl mir meine adrenalinüberflutete interne Notfallabteilung, dass es eine gute Idee wäre mitten auf der zweispurigen Straße das nächste Auto durch wildes Winken und Gestikulieren anzuhalten. Ganz egal, dass dahinter zehn weitere Autos anhalten mussten. Vielleicht habe ich da zu sehr die zahlreichen amerikanischen Krimis und TV-Verfolgungsjagden im Hinterkopf gehabt, aber eine Opel-Fahrerin hielt an. Auch wenn Opel-Autos in amerikanischen Serien eher komisch wirken würden, war ich froh, dass jemand anhielt. Der Beifahrer ließ die Scheibe hinunter um die Taktik zu klären: Ich muss irgendwas Unverständliches von Diebstahl und einem energischem „hinterher!“ gebrabbelt haben. Entgegen meiner Erwartung wurde die Verfolgungsjagd aufgenommen – mit mir auf dem Rücksitz. „Da links rein und dem Straßenverlauf langsam folgen“ gab ich in bester Navi-Stimme zu Befehl. Der Dieb war zwar mittlerweile nicht mehr in Sichtweite. Wir fuhren aber dennoch knapp fünf Minuten durch die Straßen und suchten links und rechts nach der gesuchten Person auf dem Fahrrad. Plötzlich sieht jeder Zweite aus wie ein Dieb aus. Dieses Ereignis trickst die Wahrnehmung aus. So sehr ich mir vorstellte den Schurken zu fassen, war es ziemlich hoffnungslos im Halbdunkeln hier noch jemanden zu finden.
Die Verfolgungsjagd als Roidnitz blieb leider ohne Erfolg und das Handy ist weg. Dafür bleibt viel Stress beim Karte sperren, Passwörter ändern und Anzeige erstatten.
Aber das Gefühl, dass jemand spontan hilft, war im Nachhinein echt super. Es ersetzt zwar nicht den Schaden und hat auch den Ärger nicht verringert, aber es ist auf jeden Fall ein dickes Danke an die unbekannte Fahrerin wert und sollte deshalb als gutes Beispiel in der besagten Polizeimeldung erwähnt werden.

Wer richtige Hinweise im Umgang und Vermeidung mit Diebstahl sucht, schaut dann vielleicht lieber doch bei der Polizei nach oder informiert beim Polizeiticker. Und wenn der Dieb hier mitlesen sollte, eat this mofo!


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Hi, ich bin Martin von Dunkel. Dreckig. Reudnitz. Seit ein paar Jahren lebe ich schon in diesem ganz besonderen Stadtteil. Warum also nicht darüber schreiben?

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